Home

Josef+Albers+Teaching+at+BMC+by+Hazel+Larsen+Archer Josef Albers teaching at Black Mountain College

Sprechen über Hören

Das mündliche Vermitteln und Speichern von Wissen ist die vielleicht ursprünglichste Funktion des Erzählens. In Gesellschaften, in denen 80 oder 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren, fungierte die Erzählung als Ordnungprinzip des Erinnerns. Ein bekanntes Beispiel ist hier das Alte Testament, das nicht in der Regel nicht gelesen, sondern gehört wird. Durch die Erzählform werden die Texte der gesamten Gemeinde zugänglich und erinnerbar. Ein anderer Zusammenhang zwischen Erzählung und Lernen findet sich beispielsweise bei Kurt Lewin und seinen Untersuchungen zur Gruppendynamik, die im Bereich des Erzählens, wie auch im experimentellen Lernraum wichtig sind. Ursprünglich aus der Gestalttheorie kommend, stammt von ihm der systemtheoretische Ansatz, dass jedes Individum nur im Kontext seiner Umgebung gesehen werden kann. Zuhause bin ich eine andere, als in der Vorlesung, allein eine andere, als in der Gruppe. Wir sind abhängig voneinander. Die Fähigkeit zu lernen und sich zu entwickeln, so Lewin, setzt eine konkrete emotionale Erfahrung zu den Mitgliedern der Gruppe voraus, und erfordert zugleich eine analytische Distanz zu den anderen. Ähnliches folgt aus dem Konzept von der “dialogischen”, Literatur des Literaturwissenschaftlers Michail Baxtin. Es beschreibt, dass alle sprachliche Kommunikation nur im Kontext einer bestimmten sozialen Situation und zwischen bestimmten Klassen und Gruppen von Sprechenden betrachtet werden kann. Das wiederum ist genau die Terminologie –nämlich dialogics- auf die sich der Pädagoge Paulo Freire und die Kulturwissenschaftlerin bell hooks beziehen. In ihrer Essaysammlung Teaching to Transgress beschreibt bell hooks, wie die Spaltung von Körper und Geist, mit dem Lehrer als dem Geist und der Klasse als 2 dem Körper- einen falsche Eindruck von Autorität und Macht schafft. Vielmehr sollten Lehrer und Studierende in einen Dialog treten und zwar als gleichberechtigte Individuen mit ihrer Persönlichkeit und Körperlichkeit. In den Schulen und Hochschulen wird Lehre zum großen Teil in mündlicher Form abgehalten. Zuhören ist vielleicht der wichtigste Aktivposten für akademisches Lernen, aber anders als Lesen und Schreiben wird Zuhören praktisch nicht unterrichtet. Zuhören ist mehr als zu hören; es ist ein aktiver Prozess, dem Gehörtem Bedeutung zu geben: durch Vergleich, Bewertung und Speicherung im Körper. Das Leben des Wortes besteht in seiner Übertragung von einem Mund zum anderen und überträgt einen Kontext in einen anderen Kontext. Bei diesem Verfahren wird das Wort nicht vergessen, aber ist nicht völlig frei von der Macht der konkreten Sprechsituation. Anders als beim Schreiben und Lesen ist das Lernen durch Zuhören eng mit dem eigenen Körper verbunden, der Körper ist der Recorder und Speicher der aufgenommenen Information. Auf drei Aspekte des Körperlichen im Lernraum und der mündlichen Übertragung von Lerninhalten möchte im Folgenden näher eingehen. Sex und Erotik Der erste Aspekt, den ich anführen möchte, ist wohl der, der am ehsten mißverstanden werden kann: der Aspekt der Sexualität und Erotik. In Eros, Eroticism, and the Pedagocial Process beschreibt bell hooks wie sich ihre Lernerfahrung veränderte, als sie – als afroamerikanische Studentin in Stanford– einen Fachartikel las, der offenlegte, dass ihre überwiegend weißen männlichen Professoren während des Unterrichts alle paar Sekunden sexuelle Fantasien mit ihren Studentinnen oder Studenten haben. Auch sie selbst hatte sexuelle Fantasien – in Bezug auf Lehrer oder auch in Bezug auf Kommillitonen. Bell Hooks begriff, dass die Anwesenheit von Erotik und Sexualität im Lernraum eine Tatsache ist, in der sich die wohl größte Präsenz des Körpers ausdrückt. Da mündlich übertragenes Wissen in und durch den Körper gespeichert wird, erscheint also der Aspekt der Erotik bedeutsam. Tatsächlich war die erastes-eromenos Beziehung in 3 der griechischen Antike das Grundprinzip homosozialer Erziehung, eine erotische – eine liebende Mentorenbeziehung in der der Lehrer der Liebhaber, der ältere, aktive und dominante Teil ist, der Schüler der passive Part, in der Regel im Alter von 10 bis 20 Jahren. Lehren und Lernen basierten auf Liebe – auch der körperlichen Liebe. Das griechische Wort paideia für die aristrokratische Erziehung ist eng verwandt mit der paiderastia. Hier verbinden das Schönheitsideal mit dem Weisheitsideal in der Person des Jünglings. Sexuelle Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden sind in den Abhängigkeitsverhältnissen institutioneller Bildung zu Recht tabu. Und doch lernen wir nur von den Lehrern, die wir lieben. Die Präsenz von Erotik im Lernraum –so bell hooks– gibt dieser Liebe Raum. Sie argumentiert, dass die Vorstellung von neutraler Erziehung falsch ist und der leidenschaftliche, sorgende – liebende- Lehrer zu Unrecht unter Verdacht steht. Wir leben in unseren Körpern, und können nicht als rein Denkendes vom Körper gelöst werden. Das einmal als Tatsache angenommen, könnte man die körperliche Präsenz der Erotik als eine wesentliche Voraussetzung für das Erinnern und Lernen aufgefassen. Die Abwesenheit von erotischem Empfinden schließt die Abwesenheit des Körpers ein und behindert das Speichern von Erfahrung und Information. Auch hier findet sich die Verbindung zum Erzählen, als Kunst der Affektsteuerung. Aus zahlreichen Untersuchungen im Bereich der Neurologie und Psychologie wissen wir, dass Erinnerung vor allem in und durch den Körper gespeichert wird, wenn die Erinnerung mit einer Emotion, einem Affekt verbunden ist1. Eine klare Antwort auf die Frage was Affekt und Emotionen sind, ist schwer zu finden. In der affect theory werden die Begriffe zum Teil kontrovers diskutiert. Im Wesentlichen scheint es mir, lassen sich zwei Gruppen herausarbeiten. Für die eine Gruppe würde ich den Soziologen Brian Massumi als Beispiel wählen. Nach Massumi ist der Affekt ein Instinkt, eine körperliche intuitive Reaktion, die dem Gefühl vorausgeht. Gefühle sind nach Massumi soziale Konstruktionen, die den, 4 ich möchte sagen, animalischen Affekt verzerren. Im Gegensatz zu Brian Massumi glaubt beispielsweise die Kulturtheoretikerin Sarah Ahmed nicht, dass der Affekt autonom ist, sondern immer mit einem vorherbestehenden Objekt korreliert. Der Affekt ist hier also ein kulturelles Phänomen, eine Subjekt-Objekt Beziehung. Für die Frage des Lernens mit und durch den Körper sind beide Affektbeschreibungen hilfreich und führen zu brauchbaren Vorschlägen. Mit der visceralen Schule Massumis läßt sich das Lernen in der bisher beschriebenen Weise gut erfassen, die Schule der kulturell geprägten Affektbeziehungen zum Objekt, führen uns dagegen in die objekt–orientierte Ontologie. Lernen und Raum Für den Lernraum würde sich daraus ganz konkret die Frage ableiten, ob die Seminarräume affektbasiertem Lernen förderlich sind. Lernarchitektur ist obwohl vor allem akustischer Raum, häufig als Schreibraum gebaut – Tische zum Schreiben, Tafeln zum Schreiben, Projektoren zum Lesen von Folien. Die antiken Schulen dagegen befanden sich im Garten des Epikur, im gemeinsamen Spaziergang, beim gemeinsamen Essen. Getragen von der Idee der Leib-Seele Dichotomie des Christentums bestand die Ausbildung in den Klosterschulen fast ausschließlich aus Lesen. Dialogisches mündliches Lernen war dem autoritären Christentum fremd – ebenso wie die Körperlichkeit. Dialogisches herrschaftsfreies Lernen ist notwendigerweise mündlich und könnte wohl von der Körperlichkeit der Raumobjekte profitieren – wir lernen im Garten, in der körperlichen Bewegung des Spaziergangs, oder beim gemeinsamen Essen, in sozial aktiven Räumen, oder bei Nacht vielleicht eher und anders als in der Schreib-Sitzhaltung, die heutige Lehreinrichtungen von den Klosterschulen übernommen haben. Datensicherheit und Autonomie des Menschen Ein anderer Aspekt der mündlichen Übertragung von Wissen, berührt die Frage der Datensicherheit – und zwar in unterschiedlichen Richtungen. Zum einen ist der Körper nicht nur Empfänger, sondern auch der Produzent und Sender der 5 Information. Der Lehrende spricht, und die Art und Weise wie er oder sie das tut, die Sprache, die Tagesstimmung, die Persönlichkeit des Lehrenden, prägen und verändern den Lehrinhalt. In gleicher Weise hören nicht zwei Zuhörende zugleich das Gleiche. Auch hier nimmt jeder Lernende etwas anderes auf, verarbeitet, selektiert und wertet anders. Die aufgenommene Information ist also zunächst unzuverlässig und bedarf zusätzlicher Absicherung. Etwas, das man nur vom Hören-Sagen kennt, hat keinen Gültigkeitsanspruch. Mündlich übertragendes Wissen muss also kollektives Wissen werden. Es gibt beeindruckende Zeugnisse von kollektiver, mündlicher Überlieferung und Lernen. Buddhistische Mönche haben über Hunderte von Jahren, Siddhartas Lehren auswendig gelernt und von Generation zu Generation wortgenau weitergegeben, bevor die Texte ausfgeschrieben wurden. Die homerischen Texte – Illiad und Odyssee –zusammen über 28000 Verse, hatten die antiken Sänger nur durch Zuhören auswendig gelernt hatten. In allen Fällen scheint dabei eine bestimmte Form von Gesang eine Rolle gespielt zu haben. Mit welchen Mitteln also gelingt es, diese ungeheueren Lernleistungen zu vollbringen? Und wie kann neues Wissen dem Bekannten in dieser kollektiven Form hinzugefügt werden? In seinem Werk The Singer of Tales demonstrierte der Literaturwissenschaftler und Slawist Albert B. Lord, dass praktisch alle großen Epen nicht nur einer Tradition der oralen Aufführung, sondern der oralen Komposition entspringen, bei der sie in immer wiederkehrenden Strukturen zusammengesetzt werden. Seine Analyse –und die seines Kollegen Milman Parry– zeigt, dass die Aneignung von mündlich übertragenem Wissen nach einem bestimmten Muster abläuft. Der lernende (Sänger) durchläuft bei der Aneignung drei Phasen: In der ersten Phase erlernt er den Rhythmus, das Muster, ohne zu variieren und auch ohne notwendigerweise den Inhalt zu kognitiv verstehen. Er lernt durch Wiederholung, singt die Muster, die Verse, ihrer Formel folgend immer wieder, bis der Körper das Muster aufgenommen, verinnerlicht hat. In der zweiten Phase lernt er die 6 Techniken der Komposition seines Meister zu imitieren. Ein Meistersänger varriiert, erweitert, phrasiert während seiner Performance das Epos nach eigenem Geschmack und in Interaktion mit dem spezifischen Publikum und Schausplatz der Aufführung. Hier entwickelt sich das Epos fort – graduell und nicht revolutionär. Die Techniken der fortschreibenden Komposition zu imitieren, ist also die zweite Lernphase. In der dritten Phase gelangt der Lernende zu eigener Meisterschaft – ein Niveau, das nur wenige Sänger erreichen. Der Meistersänger ist in der Lage, die Muster und Rhythmen zu benutzen und völlig neue Epen – während und durch die orale Aufführung herzustellen und sie unmittelbar zu speichern. Er ist in der Lage, die einmal gefundene Verse jederzeit wieder abzurufen. Der Schlüssel zu dieser Kompositionsleistung liegt hier in Verinnerlichung der Muster durch den Körper und der Transferleistung, diese Muster neu aufzufüllen. Dieses Körpergedächtnis unterscheidet sich so von den rein kognitiven Prozessen des Gehirns, die Hauptträger unseres gegenwärtigen Lernens sind. Welche Auswirkungen hat nun dieser Unterschied auf das Wissen? Wissensvermittlung ist an Herrschaft gebunden – allein der Gedanke, dass es Wissen gibt, ist Ausdruck von Herrschaft, die eine universelle Wahrheit=das Wissen in Anspruch nimmt. Bis heute gilt die Autorität des Lehrers und Curriculums, das noch bis weit in das 20. Jahrhundert ‚gepaukt’ wurde. Also in einem Schlagrhytmus dem Körper hinzugefügt wurde. Der Lehrer sprach vor, die Klasse wiederholte im Chor – bis es saß. In der sog. schwarzen Pädagogik wurde Wissen ‚eingebläut’. Der Lernende geschlagen, bis der Körper das Herrschaftswissen angenommen hat. Manche werden sich an ihre Großeltern erinnern, die noch im hohen Alter Goethes Osterspaziergang fehlerfrei aufsagen konnten. Der Körper vergisst nicht. Heute verkleidet sich Wissensvermittlung als herrschaftsfrei – natürlich ist sie es nicht – und verzichtet auf frontales Einpauken. Im Zuge dieses Prozesses scheint mir Körper weitesgehend aus dem Lernraum verdrängt zu werden. Wir sitzen. Wir starren auf Bildschirme oder Papiere. Wir erinnern nichts, sondern googeln oder 7 schlagen nach. Der Körper weiß heute nur noch wenig, dagegen erlernt das Gehirn in großer Geschwindigkeit Muster und Verfahren, die Informationen verarbeiten und verketten. Konservative Muster sind dabei oft linear, progressive multilinear oder rhizomatisch. Aber die Daten selbst werden bald in vollständiger digitaler Konvergenz –ich beziehe mich hier Negropontes Modell aus dem Jahre 1982– nur noch digital gespeichert. Der sich nicht erinnernde Körper funktioniert folglich nur noch als Träger des Kopfes, als Teil eines Netzwerks in Abhängigkeit von einer Maschine – von big data. Der Mensch verliert seine Autonomie. Die Abhängigkeit von den externen Speichern wird total, wenn der Körper leer ist. Das erscheint mir zumindestens diskussionsbedürftig. Den traditionellen Aufschreibesystemen der Macht, allen voran die Bücher, war bisher stets ein folkloristisches analphabetisches Gegensystem gegenübergestellt. In ähnlicher Weise wie in Ray Bradbury’s Vision in Fahrenheit451 retten die Körper das Wissen vor seiner Vernichtung, seiner Entwertung, Manipulation, Geheimhaltung und so fort. Die Fähigkeit Information in und durch den Körper speichern zu können, scheint mir eine wesentliche Voraussetzung für die Autonomie des Menschens zu sein. Nicht nur weil Datensicherheit über Tausende von Jahren, von Generation zu Generation durch den Körper gewährleistet wurde, sondern auch weil sie dem Datenträger, dem lernenden Menschen, Autonomie zu Lebzeiten verschafft. 1 Memory connections are made with emotions. Gotoh, F (2012). “Affective valence of words impacts recall from auditory working memory”. Journal Of Cognitive Psychology 24 (2): 117– 124. Vortrag anläßlich: Wenden in den Geistes-, Sozialund Kulturwissenschaften Analysen, Reflexionen und Konsequenzen Interdisziplinäre Tagung am 17. und 18. April 2015 Schloss Wahn, Köln-Porz

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s